Dieses Jahr wollte Susanne ihrer Mutter ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk machen. Lange hatte sie gespart, bis sie schließlich 40€ zusammengekriegt hatte. Bloß das passende Geschenk hatte sie noch nicht gefunden.
Am 22. Dezember ging Susanne los, um nach einem Präsent zu suchen. Es war Samstagmorgen und die Sonne warf ihre ersten, gelben Strahlen auf die karge Winterlandschaft. Die Nacht über hatte es geschneit und Häuser, Autos und Straßen waren mit einer feinen Puderschneeschicht überzogen. In den meisten Wohnhäusern waren die Jalousien noch zugezogen und es war mäuschenstill in der Siedlung. Das einzige Anzeichen dafür, dass die Welt nicht stehen geblieben war, war hin und wieder ein kleiner Vogel, der durch den Schnee hüpfte und unter der Schneedecke nach Futter suchte.
Genre: Kinder-Gruselgeschichten
Verfasst: ca. 2002 (da war ich 14 Jahre alt)
Susanne hatte die Einkaufsstraße erreicht und klapperte nun einen Laden nach dem anderen ab. Doch überall gab es nur denselben, weihnachtlichen Kitsch. Susanne war mächtig enttäuscht und hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, noch ein Geschenk zu finden, als ihr dieser wunderschöne, große Adventskalender ins Auge stach. Er hing im Schaufenster eines kleinen, abgelegenen Ladens mit verfallener Außenfassade und dreckigen Fenstern.
Der Adventskalender strahlte eine derartige Magie auf Susanne auf, dass es schon fast wieder unheimlich war. Er war aus weicher, feiner Wolle gestrickt und mit Tannenbäumen aus Stoff übersät. Die 24 Türchen waren prall gefüllt und noch geschlossen. Susanne war dermaßen fasziniert von dem Stück, dass sie einfach in den Laden gehen musste!
Als sie über die Schwelle trat, erklang eine weihnachtliche, leise Melodie. Der Laden war noch kleiner, als Susanne vermutet hatte. Lediglich für eine winzige Theke, hinter der ein genauso winziger Verkäufer stand, und ein Regal mit Weihnachtskrippen und -schmuck war hier Platz. Die Figuren in den Krippen sehen verdammt echt aus, dachte Susanne bei sich.
„Guten Tag, junge Dame. Womit kann ich dir dienen?“, fragte der kleine Mann und schaute Susanne freundlich an.
„Ich interessiere mich für den Adventskalender im Schaufenster“, rief Susanne heiter.
Der kleine Mann starrte sie einen Moment lang ernst an. „Was willst du denn damit? Die Adventszeit ist doch schon fast rum!“
„Ja, schon“, meinte Susanne, „aber ich will ihn meiner Mutter zu Weihnachten schenken, dann kann sie am Heiligen Abend alle Türchen auf einmal öffnen!“
Der Mann war schon ins Schaufenster geklettert und holte den Adventskalender hervor. „Ich muss dich aber warnen“, sagte er, als er den Kalender in eine Tüte verfrachtete. „Du darfst niemals alle Türchen auf einmal öffnen!“ Er sagte das mit einer solchen Wucht, dass Susanne einen Schritt rückwärts machte. Sie wollte möglichst schnell raus aus diesem Laden, anscheinend hatte der Verkäufer einen leichten Schaden. Sie bezahlte und lief schnell nach Hause.
Am 24. Dezember schließlich packte Susanne mittags den Adventskalender in glitzerndes Geschenkpapier und verzierte das Päckchen mit einer großen Schleife. Dann legte sie es ins Wohnzimmer unter den geschmückten Christbaum und lächelte. Ihre Mutter würde sich riesig freuen! Doch dann dachte sie wieder an den seltsamen Verkäufer und ein merkwürdiges Gefühl durchströmte sie. Warum hatte er gesagt, dass man niemals alle Türchen auf einmal öffnen durfte? Susanne dachte nicht mehr länger darüber nach, sondern wartete aufgeregt auf den Abend.
„Wow, so einen Pullover habe ich mir schon immer gewünscht!“, strahlte Susanne, als sie das erste Päckchen aufgerissen hatte. Sie drückte den Pulli an sich. Erst dann bemerkte sie, dass ihre Mutter das Geschenk noch nicht einmal angerührt hatte. Sie saß traurig da, starrte vor sich hin und lächelte verkrampft.
„Aber… willst du dein Geschenk nicht aufmachen?“, fragte Susanne sachte.
„Ach, ich habe bloß wieder Probleme wegen der Scheidung… verzeih mir bitte“, erklärte die Mutter traurig. Sie hatte sich gerade von ihrem Mann, also Susannes Vater, getrennt und war darum des Öfteren depressiv oder völlig am Boden zerstört.
„Aber ich habe ein ganz tolles Geschenk für dich! Mach es auf“, drängelte Susanne und legte ihrer Mutter das Päckchen auf den Schoß. Widerwillig öffnete die Mutter die Tesastreifen. Susannes Hände waren feucht, sie wusste selbst nicht so recht, weshalb sie aufgeregt war.
„Oh, ist der schön!“ Ein Lächeln zauberte sich auf das Gesicht der Mutter. „Danke!“ Sie drückte Susanne fest an sich. „Lass uns gleich die Türchen öffnen“, schlug sie vor.
Susanne und ihre Mutter öffneten ein Türchen nach dem anderen und genossen die süßen Überraschungen, die sich dahinter verbargen. Die Nummer 24 war besonders dick und groß. „Die darfst du öffnen“, sagte die Mutter.
Susanne klappte behutsam das Türchen auf – und schrie spitz auf!
Sie kreischte so laut, als ginge es um ihr Leben. Sie schleuderte den Adventskalender in die andere Ecke des Wohnzimmers und versuchte, sich zu beruhigen. Ihr Herz hämmerte und das Blut pulsierte heftig in ihren Adern. Die Mutter starrte ihre Tochter geschockt an. „Was ist denn in dich gefahren?“
Susannes Hals war trocken wie Sandpapier und sie konnte kaum sprechen. „In de… dem Ka… Kalender… da war ein… ein… Totenkopf! Mit glühenden Augen, und… und…“, würgte sie gepresst hervor. Sie konnte noch immer nicht fassen, was sie gerade gesehen hatte.
Susannes Mutter sprang von der Couch auf und las den Adventskalender vom Boden auf. Vorsichtig öffnete sie die 24 und lachte laut auf. Susanne wusste nicht, wie ihrer Mutter in solch einer Situation zum Lachen zumute sein konnte. „Du hast eine blühende Fantasie!“ Die Mutter zog eine große, schwarze Zuckerstange heraus. Susanne beäugte die Stange skeptisch. „Das… das ist doch unmöglich“, stammelte sie. „Ich hab doch genau gesehen, dass…“ Sie konnte den Satz nicht beenden, denn schon hatte ihre Mutter die Zuckerstange in den Mund gesteckt. „Mmh, die schmeckt besonders gut. Magst du mal kosten?“
Susanne schüttelte stumm den Kopf. Ihr war der Appetit gewaltig vergangen!
Am nächsten Morgen wachte Susanne erst gegen 10.00 Uhr auf und wunderte sich, warum im Haus noch alles dunkel war. Wahrscheinlich hat Mama auch verschlafen, dachte sich und zog die Jalousien hoch. Sie machte Frühstück und wartete, wartete, wartete… Gegen 11.00 Uhr begann sie, sich Sorgen zu machen. Ein dicker Kloß saß in ihrem ausgedörrten Hals. Hatte das etwas mit dem Adventskalender zu tun? Susanne stürmte ins Schlafzimmer ihrer Mutter und ihr stockte der Atem – ihre Mutter war verschwunden!
Blind vor Tränen stürzte Susanne nach draußen und rannte durch den Schnee zu dem kleinen Geschäft, in dem sie den Adventskalender gekauft hatte. Es war ihr egal, dass sie im Pyjama über die Straße rannte, es war ihr völlig egal… Wütend stürmte sie in den Laden hinein. Derselbe, kleine Mann stand hinter der hölzernen Theke. „Dich habe ich schon erwartet“, sagte er seelenruhig.
„Wo ist meine Mutter?“, schrie Susanne. „Wo ist sie?“
Der kleine Mann nickte. „Komm, Mädchen.“ Er führte Susanne zu einer der Weihnachtskrippen, die vor drei Tagen noch nicht hier gestanden hatte. Zuerst begriff Susanne nicht, worauf der Mann hinauswollte, bis ihr Blick auf die Maria in der Krippe fiel. Das war ihre Mutter!! So klein wie ein Legomännchen und steif wie eine Statue erkannte Susanne unter Tränen ihre Mutter.
„Ich habe doch gesagt, dass man NIEMALS alle Türchen auf einmal öffnen darf!“
Copyright: Meike Mittmeyer-Riehl, 2002
Keine Weitergabe oder Vervielfältigung ohne ausdrückliches Einverständnis der Autorin!